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(1) Artistisch-Literarische Blätter von und für Franken. Eine Begleitschrift zur fränkischen Chronik. Hrsg. von Dr. Bartholomäus von Siebold, Würzburg, Jahrg. 1808, Seite 135-137

Würzburg's
Schriftsteller, Künstler und Sammlungen.
II. Künstler.
A. Lebende.
2. Ausländer.

11. Zang, Johann Heinrich, über 50 Jahre lang Cantor in Mainstockheim. Er wurde am 15ten April 1733 in der durch ihre Gewehrfabrik berühmten Herzogl. Sachsen-Gothaischen Stadt Zella St. Blasii geboren, wo sich sein Vater Johann Georg Zang, ehemaliger Königl. Ungarischer Oberlieutenant unter dem Regiment Heister, niedergelassen, und mit einer dasigen Bürgerstochter, Rosina Christina Schmidt, verehelichet hatte. Die Aeltern suchten ihrem Sohne die zweckmäßigste Erziehung zu geben, um sich frühzeitig zu einem brauchbaren Manne auszubilden, und sein gutes Fortkommen in der Welt zu finden. Zu Hause erlernte er die Anfangsgründe der lateinischen und griechischen Sprache, und dabey widmete er sich der Ton- und Zeichenkunst, wozu er vorzüglich einen natürlichen Hang hatte. Schon als ein siebenzehnjähriger Jüngling wanderte er nach Leipzig, wo er sich unter der Anleitung des berühmten Kapellmeisters, Johann Sebastian Bach, zwey Jahre lang in der Tonkunst besser ausbildete, und im Jahre 1749 kam er nach Koburg, und gleich darauf nach Kloster Banz als Kanzellist, weil seine gute Handschrift dem dasigen Abte besonders wohlgefallen hatte. Dabey ward ihm zugleich die Organisten-Stelle auf Hohenstein nächst Koburg übertragen, bis er im Jahre 1751 als Cantor nach Wallsdorf nächst Bamberg, und von da im Jahre 1752 ebenfalls als Cantor nach Mainstockheim befördert wurde. Auch hier erhielt er verschiedene ehrenvolle Anträge, nämlich als Schulkollega nach Schweinfurt, als Kapellmeister an einen benachbarten fürstl. Hof, und nach diesem als Schreibmeister auf eine der berühmtesten Universitäten. Aber aus Vorliebe zu Mainstockheim schlug er alle diese schmeichelhaften Einladungen ab, und bat seinen Fürsten bloß um Fortsetzung der ihm bisher bezeigten gnädigsten Zufriedenheit.

Im Jahre 1762 gab Zang seine selbstlehrende Kalligraphie in 33 Quart- und 6 Folio-Blättern heraus, welche er selbst in Kupfer gestochen hat, und die in ganz Deutschland wohl aufgenommen, besonders aber in dem Ansbacher und Nassau-Dillenburgischen Lande eingeführt wurde. Zehn Jahre später erschienen auch seine von ihm selbst gestochenen Schulvorschriften.

Nebst vielen aufs Klavier gesetzten Sachen sind seine Singende Muse am Main, die er 1776 in Kupfer herausgab, mit 6 Sonaten und 12 Trio, auf die Orgel mit zwey Clavieren und obligatem Pedal bekannt. - Auch hat er zwey vollständige Jahrgänge auf alle Fest- und Sonntage über die Evangelien durchs ganze Jahr, mit Tutti, Fugen, Arien und Duetten, für vollständige Chöre komponiert, welche noch jetzt in vielen ansehnlichen Kirchen aufgeführet werden. Im Jahre 1793 sah Zang unsers Hrn. Professor Blank's weltberühmtes Kunstkabinet in Würzburg, und machte sogleich den Versuch in Verfertigung ähnlicher mosaischer Kunstgemählde. Es gelang ihm so gut, daß einige seiner Arbeiten durch verschiedene Offiziere Sr. Russisch-Kaiserlichen Majestät gerühmt wurden, und er erhielt daher den allergnädigsten Befehl, einige Stücke nach St. Petersburg zu senden. Diesem zu Folge sandte er das aus Samen und Schmetterlingsflügeln verfertigte Russisch-kaiserliche Wappen, nebst noch 5 andern Stücken, welche aus allerley Naturalien von den drey Naturreichen zusammengesetzt waren, und er erhielt dafür nicht nur ein Kaiserliches allergnädigstes Belobungs-Schreiben, sondern auch eine goldene Uhr sammt massivem Bande mit 454 großen und kleinen Brillanten, und mit 24 Perlen besetzt.

Da nun seine oben erwähnten kalligraphischen und musikalischen Werke Beyfall gefunden hatten, so entschloß er sich, für junge Künstler und Handwerker ein Buch herauszugeben, in welchem alles enthalten seyn soll, was künstlich ist, und was mancher Lehrherr oder Meister selbst nicht weiß, oder seinen Lehrlingen neidisch vorenthält. Von diesem Werke erschien also im Jahre 1790 der erste Theil, welcher den Weinhändlern, Küfnern oder Büttnern, Kellerern, Branntwein- und Liqueurmachern etc. gewidmet ist, in der Oberdeutschen allgemeinen Literatur-Zeitung, und anderwärts so vollkommenen Beyfall erhielt, daß die Schneider- und Weigelische Kunsthandlung in Nürnberg schon eine dritte Auflage davon machte, und zugleich den zweyten Theil dieses Buches mit herausgab. Dieser ist für Liebhaber der Musik, Orgel- und Instrumentenmacher geschrieben. Er enthält sehr viel Neues, besonders von der Temperatur, wie nach einer von Zang nach der Rationalrechnung neu erfundenen Stimmpfeife eine Orgel auf das reinste zu stimmen; wie eine neue Orgel zu probiren, und wie die Windprobe zu machen ist. Auch wie Liebhaber der besaiteten Instrumente, Claviere, Fortepiano u. d. gl. sehr leicht und in weniger Zeit stimmen können; wie die Register einer Orgel zu ziehen sind, und dergleichen mehreres. Diesem folget noch ein dritter Theil, der aus 5 Abschnitten bestehet. Der erste Abschnitt ist für Schönschreiber bestimmt, welche darin alles finden, was sie nur verlangen können, nämlich alle möglichen Tinten von allen Farben zu machen; mit allen Metallen zu schreiben; auf Gold, Silber und alle Metalle zu schreiben; auch auf Glas ohne Schnitt, und doch geschnitten zu schreiben; Bücher in Geschwindigkeit abzudrucken etc. - Der zweyte Abschnitt lehret, alles große Zugwerk mit dem Reißzirkel und aus freyer Hand zu machen; große Capital-Buchstaben zu Urkunden zu entwerfen; alle große Frakturschriften sehr nett und geschwind zu machen etc. - Der dritte Abschnitt lehret den in Metall arbeitenden Künstlern alles, was sonst große Künstler geheim halten, nämlich den Damase zu machen; alle Metalle zu parfumiren; große und kleine Glocken zu Glockenspielen just nach verlangtem Ton zu gießen; Metalle ohne Feuer zu löthen etc. - Der vierte Abschnitt lehret Künstlern, die in Holz arbeiten, eine Thüre zu verfertigen, die man vorn und hinten aufmachen kann; eine ganz neu erfundene Sägemühle, wo ein Mensch mit halber Arbeit ein Bloch zu Brettern schneiden kann; eine Maschine, welche etwa 50 Kreuzer kostet, um damit einen großen Baum auszureißen, welches ein Mann mit einem Kinde verrichten kann; ein Instrument, mit welchem man von einem Original zugleich vier und mehrere Abrisse machen kann etc. - Der fünfte Abschnitt lehret endlich eine Hose zu machen, mit welcher man durch das größte Wasser gehen kann; eine Hirsch- oder Bockshaut in 2 Tagen sämisch gar zu machen, die jedoch 2mal länger hält, als jene, die vom Gärber gar gemacht sind; eine große Waldung durch Wurzeln und Aeste der Bäume anzulegen, welche in Zeit von 4 Jahren in schönerem Wachsthum stehet, als durch den Anflug in 20 Jahren nicht bewirkt werden kann; Obstbäume durch Wurzeln und Aeste anzulegen, die schon im zweyten und dritten Jahre tragen; durch Blätter von exotischen Bäumen junge Bäume zu ziehen; ein Bild mit erhabenen Knörzchen auf ein glattes Brett zu bringen, welche Knörzchen in Zeit einer Minute aus dem Brette hervorwachsen; eine Maschine für Müller, eine Mühle in einem Augenblick stille stehend zu machen, ohne daß sich dabey das geringste Unglück ereignen kann. - Der vierte Theil dieses Buches wird eine vollständige Beschreibung der Kunst liefern, welche man Mosaik nennet, nämlich wie ein Bild, eine Landschaft regelmäßig zu entwerfen, zu zeichnen, und dann mit dazu schicklichen Naturalien ausgeführt werden kann, sammt den dazu erforderlichen Wissenschaften der Geometrie und Architektur. Dabey wird die Perspektive so vorgetragen, daß auch ein Lehrjunge dieselbe, ohne Kenntnis der Geometrie zu haben, ohne weiteren mündlichen Unterricht gründlich erlernen kann. Hr. Zang hat den Lambertischen Proportional-Zirkel zum Grunde geleget, womit alle Aufgaben sehr leicht gemacht werden können. Auch lehret er in diesem Theile, solchen Proportional-Zirkel selbst zu machen.1

Anmerkung:

Wenn man diesen Artikel aufmerksam liest, kommt man unwillkürlich auf den Gedanken, dass Zang ihn initiiert, wenn nicht gar selbst verfasst hat. Handelt es sich doch im zweiten Teil um eine massive Werbung für seine Arbeiten.
Da dieser Aufsatz die Quelle für fast alle folgenden Artikel und Lexika-Einträge ist, muss einiges näher erklärt werden:
Im Satz: „Schon als siebenzehnjähriger Jüngling…“ ist mit Sicherheit ein Übertragungsfehler. Was der Drucker als „17-jährig“ gelesen hat, war bestimmt ein „15-jährig“ in der Handschrift, nachdem die Zahlen 15 und 17, etwas flüchtig geschrieben, verwechselt werden können. - Nur so stimmen danach die weiteren Angaben:

1748/49 (also mit 15/16 Jahren) bei J. S. Bach in Leipzig
1749/50 (mit 16/17 Jahren) in Coburg, Kloster Banz, Hohenstein bei Coburg
1751 (mit 18 Jahren) Kantor in Wallsdorf bei Bamberg
1752 (mit 19 Jahren) Heirat und Kantor in Mainstockheim (vgl. auch unter (7), Eitner).

Leider werden der benachbarte „fürstl. Hof“ (Antrag als Kapellmeister) und „eine der berühmtesten Universitäten“ (Angebot als Schreibmeister) nicht namentlich genannt.

Ob es sich bei „seinem Fürsten“ um den Markgrafen von Ansbach gehandelt hat?

Die „Singende Muse am Main“ ist - trotz unserer Nachforschungen - bis heute noch nicht aufgetaucht. Vielleicht führt uns aber eine jetzt aufgenommene Spur dazu, daß möglicherweise wenigstens Teile des Nachlasses Zangs und hoffentlich auch seine Kantaten entdeckt werden können.

Die Erwähnung seiner Musivbilder und des Zarengeschenks ist durch eine Notiz eines Mainstockheimer „Aufschreibbuches“ belegt (siehe Festschrift 1983).

Die beiden Bände seines „Kunst und Handwerkbuches“ („Die vollkommene Büttner- oder Küferlehre“ und „Der vollkommene Orgelmacher“) sind im Original im Besitz der Gemeinde Mainstockheim.

Im Vorwort zu seiner in 2. Auflage 1808 in Nürnberg gedruckten Büttner- und Küferlehre erwähnt er sowohl den beschriebenen 3. wie den angekündigten 4. Band unter dem Datum vom 25. Jan. 1804. (Abgedruckt in der Festschrift zum 250. Geburtstag Zangs 1983). Vielleicht tauchen sie eines Tages doch noch irgendwo auf. Alle unsere bisherigen Nachforschungen hatten allerdings ein negatives Ergebnis.