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§. 10. Von den Windladen.

1.) Man ziehe alle Register ab, damit keins klinge, die Sperrventile aber lasse man offen, damit der Wind in die Laden kan.

2.) Man lasse den Orgelmacher Leisten machen, jede so lang als das Manual breit ist, und zwar für jedes Klavier eine Leiste, so dann noch zwey Leisten so breit das Pedal ist, damit durch die eine die ganzen Töne, und durch die andere die Semitonia des Pedals bedeckt werden. Alle diese Leisten lege man auf die sämtlichen Manuale und auf die sämtlichen Pedalklaves, und drucke die Manual und Pedalklaves sämtlich nieder, dabey die Bälge alle ausgezogen seyn müssen. Hiebey gibt man Acht

3.) Ob die Bälge stärker laufen? Sie dürfen nicht geschwinder laufen, und man muß kaum gewahr werden daß sich einer bewegt.
Laufen sie geschwinder, so geht auch der Wind aus, und das gibt einen Hauptfehler, dem man nachspühren muß.
Hiebey nehme man sich wohl in Acht, daß man von einem schlimmen Orgelmacher nicht angeführt werde.
Er kan ein verborgenes Sperrventil gemacht haben, und dieses, während man diese Hauptprobe mit dem Windladen vornimmt, ziehen, und also den Wind zuruck halten, damit er nicht in die Windladen kommen kan. Auch kan er ein solches Sperrventil durch einen seiner Gesellen ziehen lassen: Um dieses zu erfahren ziehet man in der Geschwindigkeit ein Register heraus und spielt auf dem Clavier; wenn nun die Pfeifen klingen, so hat er dergleichen nicht gemacht; so ferne sie aber keinen Ton geben, so ist ein heimliches Sperrventil angebracht, und dieses muß er vor aller Anwesenden Augen zeigen, und es billig aus dem Kanale thun.

4.) Sodann lasse man bey eben dieser Hauptprobe der Windlade, alle Register darinnen und ziehe die Sperrventile auf, und steigt oben in die Orgel, und höret, ob nicht ein Brummen, es sey leis oder stark, von den Pfeifen zu spüren sey?
Wird nichts vernommen, so ist es gut, im Fall aber etwas gehört wird, so ist die Schuld daß die Parallelen nicht recht decken, und die Windlade oben wo die Parallele darauf liegt, nicht gut beledert ist; daher sie ein für allemal beßer beledert werden muß. Daher man wohl thut, wenn das aufgeleimte Leder mit Sand oder Bimsenstein abgeschliffen wird, ehe die Züge darauf gelegt werden. Auch hat man auf einen betrüglichen Orgelmacher, wegen dem verborgenen Sperrventil wie 3. gesagt worden Acht zu geben.

5.) Wenn man nun von den Pfeifen ein Brummen hört und an den Bälgen ein laufen spürt, so ist der Wind durch Löcher und verborgene Windführungen, bey den Registerzügen, weggeführt, mithin die ganze Windlade nichts nutz, und solche ganz zu verschlagen ist.

6.) Diese verborgenen Windführungen und verborgen gebohrte Löcher heisen Fliegenschnepper, spanische Reiter etc. Man sehe §. 16. No. 4. die man zum Theil finden kan, wenn man dem Orgelmacher die sämtlichen Pfeifen eines Registers z. E. die Gamba heraus nehmen, und den Windstock abschrauben läßt und nachsiehet, ob nicht bey den Pfeifenlöchern, ein Loch neben hinaus gebohrt ist? oder, ob der Windstock, unten wo er auf den Registerzügen aufliegt, da er den Wind halten sollte, damit er von diesem zu keinem andern Loche laufen könne, ob also sage ich, der Windstock keine Zwerchschnitte oder kleine Gruben hat, wie auf der Kupfertafel Tab. I. Fig. 1. zu sehen ist; mithin, wenn es zusammen stechen will, der Wind in den Kreuz= und Zwerchschnitten hinaus lauft. Eine Solche Lade ist ganz zu verwerfen.

7.) Wenn die Pfeifenlöcher wie Sterne gebrannt, mithin nicht rund sind, so sind sie zu verwerfen.

8.) Ingleichen ist folgendes zu verwerfen, wenn am Fuße der Pfeifen etwas eingekneipt ist, dadurch der Wind hinaus kan.

9.) Ferner, wenn ein Loch eingebohrt ist.

10.) Ebenfalls, wenn die Flautraversen unten am Fuße statt zugelöthet, mit kleinen Hölzern zugesteckt sind.

11.) Wenn unter den Parallelen auf der Windlade kein ganzes Leder, sondern bey jedem Loch nur ein Stückgen aufgelegt ist, so zeigt es sehr schlechte Arbeit an, und ist ganz zu verwerfen.

12.) Tannenholz zu den Dämmen zwischen den Parallelen, wird verworfen, es quillt, und bey feuchten Wetter können die Register nicht gezogen werden. Sie müssen Eichenenholze seyn.30

13.) Hinter dem Windkasten, darinn die Ventile liegen, dürfen keine Löcher in die Kanzellen gebohrt, oder Funtanellen hinten angesetzt seyn, das man unten an der Windlade, hinter dem Wellenbrete sehen kan. Es zeigt an, daß die Ventile nicht schliessen, und daß es heulet, wenn die Funtanellen nicht dort wären; ist ganz verwerflich.

14.) Die Ventile im Manual und Pedal sind zu besehen, ob sie gut beledert sind? und also nicht heulen.

15.) Wenn ein Ventil mehr Federn als das andere hat, denn der Clavis der mehr Federn als die andern hat, ist härter zu drucken, mithin man im Lauf machen stocken muß, das ist nicht zu leiden.

16.) Die Federn müßen von hart gezogenen Messingdrat, nicht von Eisen, weil dieses rostet und etwas lang seyn.

17.) Die Dratsteft neben den Ventilen, zwischen welchen sie auf und abgehen, dürfen nicht zu kurz seyn, sonst springt öfters, wenn stokkato gespielt wird, das Ventil auf einen zu kurzen Steft, und heulet so lange, bis man es wieder herunter thut. Das ist ein Hauptfehler, dessen man, durch stoßendes Spielen, gewahr werden kan.

18.) Noch eine Hauptprobe: wenn man wissen will, ob der Windkasten und die Ventile zu allen Registern des Werks groß genug sind, und allen Pfeifen hinlänglich Wind geben, so verfährt man auf folgende Art: Es setzen sich zwey Organisten auf und spielen mit vier Händen und vier Füßen das volle Werk, z. B. einen Choral, oder sonst ein Stück: Wenn nun alle Pfeifen recht gut ansprechen , besonders wenn ein Organist nach dem andern schnell ein wenig aufhört, oder abgesetzt hat, und wieder anfängt, dabey man nicht merkt, daß die Pfeifen nach Wind schlucken, oder leiser gehen, so ist es gut; ausserdem taugen die Windkanäle, die Ventile und Kanzellen nichts, weil alles zu klein gemacht ist, und nach Verhältniß der Register, nicht allen Pfeifen den gehörigen Wind geben können; mithin ist auch der Windkasten, samt dem Benannten nichts nutz, weil der Zufall des Windes fehlt, und daher zu verschlagen ist.

19.) Ferner untersuche man ob nichts zusammen sticht, wenn man ein Register nach dem andern allein ziehet und vom großen C E anfangend, lauter große Terzen zusammen greift, nämlich nach C E nun Cis F. weiter D Fis und so fort. Dabey geht der Visitator oben in das Werk zu den Pfeifen und hört genau auf, ob nicht zwischen C E das große D mit brummt? und zwischen Cis, F  das große Dis, zwischen D, Fis das E und so fort das ganze Manual durch. Während dieser Untersuchung muß der Visitator oben im Werke stehen, weil man das Durchstechen des mittlern Tons zwischen allen großen Terzen, unten nicht so genau hört als oben. Wenn ein solches Durchstechen gefunden wird, so kan unmöglich, wenn alle Register gezogen werden, das Werk rein klingen, dabey verliehren die Pfeifen den Wind, und der Kalkant kan nicht genug tretten, woran die schlechte Belederung und Mangel an egaler Arbeit Schuld ist, mithin es ganz verworfen werden muß.

20.) Die Mixturen und andern Register, die mehrfach sind, werden nicht auf diese Art probirt, es ist schon genug an den einfachen Registern die Probe gemacht zu haben.

21.) Müssen die Windladen gut eingetheilt seyn, damit, besonders die großen Pfeifen, genügsamen Platz haben, und ihre Labia nicht zu nahe aneinander kommen, sonst die Pfeifen nicht gut lauten können, und auch nicht gut zu stimmen sind.

22.) Des Stimmens wegen müßen die Register auf den Windladen stehen, daß immer die größesten Register vornen hin, die kleinern aber hinten hin kommen. Denn wenn nach dem 8 füßigen Register im Gesichte ein 4 füßiges, und hinter dem 4 füßigen wieder ein 8 füßiges stünde, würde man das 4 füßige nicht stimmen können.

23.) Die Zungenregister oder Schnarrwerke haben hiebei eine Ausnahme; diese müßen hinten dran stehen, weil man an solchen fast immer stimmen muß.

24.) Die Zungenregister sollen, unabänderlich, just über den Ventilen stehen, weil sie vollen Wind haben müßen. Ausser diesem laßen sie sich niemals rein spielen, wenn sie auch noch so gut gestimmt sind, es kan daher der Orgelmacher die Ventile hinten hinanrichten, ob gleich das Clavier vorn ist.