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§. 23. Eine Stimmpfeife zu machen, nach welcher man eine rationalgleiche Temperatur in eine Orgel bringen kan.

S. Tab. I. Fig. 8.

Da es nicht möglich ist, ein Register von den Orgelpfeifen nach dem schwachen Ton einer Monochordsayte zu stimmen, wie einige wähnen, so wurde ich endlich durch Nachdenken auf den Gedanken gebracht, daß es möglich sey, eine Stimmpfeife, und zwar mit einem Schieber, zu verfertigen, auf der unsere Temperatur aufgetragen werden könnte, nach der man eine Orgel zu stimmen vermögend sey. Ich theilte also meine Idee, den vortreflichen und sehr geschickten Orgel= und Instrumentenmacher, Joh. Mich. Voit zu Schweinfurt mit und trug ihm auf eine solche Stimmpfeife zu verfertigen, die auch über mein Erwarten gut ausfiel, er versahe dieselbe noch mit einem Doppelbälglein, und so wurde dieß Instrument das vollkommenste, um eine Orgel razional gleich damit zu stimmen, indem dadurch ein Ton dem andern gleich wird, wie seine gemachten vortreflichen Proben davon zeugen.

Durch dieß Instrument ist man vermögend, aus jedem Ton es sey Cis Dis fis, gis, B, oder die sonst graß gewesenen Töne E Dur, H Dur, wie auch aus mehrern sonst sehr schleif gewesenen Molltönen, aus einem wie aus dem andern, ohne beleidigung des Gehörs, zu spielen.

Ja was noch mehr ist, da viele Orgeln Cornett oder im hohen Chorton standen, und der Organist, bey einer Musik wenn ein Stück aus dem B gieng, seinen Generalbaß aus As spielen, oder vom Es ins Des supponiren muste etc. so war der Ton der blasenden Instrumente mit dem Orgelton disharmonisch und immer erbärmlich anzuhören. Diesem Uebel wurde hiedurch auf einmal abgeholfen; denn es sind die 12 Durtöne so wohl als auch die 12 Molltöne einander gleich.

Ich komme nun zur Verfertigung dieses Instruments selbst. Man laße sich eine viereckigt hölzerne Pfeife mit einen Schieber machen der vornen beledert ist, und den man in die Pfeife ein und ausschrieben kan, wie ungefähr im allgemeinen, die Stimmpfeifen sind; sie kann 14 Zoll lang und einen Zoll weit seyn, der Schieber aber wird hinter der Belederung nur ¼ Zoll dick von feinen, weißen harten Holz gemacht, und auf der obern Seite wie auch rund herum fein gehobelt. Hinten wird die Pfeife, wo der Schieber aus und eingeht, winkelrecht abgeschnitten und mit einem dünnen Bretchen das eingeleimt wird, gleich wie eine gedeckte Pfeife, versehen, dieses Brettchen wird am Ende der Pfeife, winkelrecht abgehobelt, und in der Mitte dieses Bretchens, wird das Loch viereckigt durch gemacht, durch welches der Schieber gemächlich aus und eingehet.

Nun gehet man zur Orgel und stimmt 1) in der Orgel, zum eingestrichnen C‘ das zweygestrichne C‘‘ in einem 8 füßigen Register, auf das reinste, es mag die Orgel Chorton oder Kammerton stehen.

2.) Wenn dieses geschehen, so ziehet man den Schieber der Stimmpfeife so weit heraus, und intonirt die Stimmpfeife so lange, bis man mit dem Orgel C eingestrichen, den reinsten Einklang, auf der Stimmpfeife hat. Ist solcher da, so zeichnet man mit einem Querschnittlein oben auf dem Stempfel, am Loch wo der Stempfel ausgehet, sehr genau den Ton C‘ als das eingestrichne C.

3.) Nun läßt man das zweygestrichne C auf der Orgel angeben, und schiebet den Stempfel so weit in die Stimmpfeife, bis sie mit dem zweygestrichnen C‘‘ den reinsten Einklang macht, zeichnet wie vorhin, mit einem Schnittlein oben den Stempfel auf das Genaueste am Loch, wo der Stempfel ausgeht. Wenn dieses wohl in Acht genommen wird, so wird auch die Stimmpfeife gut werden.

4.) Wenn nun auf diesen Stempfel, bevor er in die Pfeife gesteckt worden, mit einem Streichmodel, auf die oberste Seite zwey Linien gezogen worden sind, so nimmt man mit einem Zirkel, aus einer solchen Linie, das Maas vom Stempfel, wie lang die beyden darauf gemachten Schnitte von einander stehen, nämlich vom eingestrichnen c‘ bis zum zweygestrichnen c‘‘ und läßt sich, von weißen harten Holz, einen Maasstab fein hobeln, der 2 Zoll länger ist als das Maas von c‘ zu c‘‘ welcher Maasstab 3 Zolle breit und ½ Zoll dick sein kan. S. Tab. I. Fig. 6.

5.) Ziehet man auf diesen Maasstabe aussen vom Rande, einen guten Strohhalm breit, eine mit dem Rande laufende Parallele, und trägt darauf das Maas von c‘ c‘‘ also, daß oben und unten, oder hinten und vorne, gleich viel Platz übrig bleibt.

6.) Ziehet man nun mit einem Gnomon, oder Winkelmaas, zwey Querstriche auf den Maasstab, durch die Punkte des darauf getragenen Maases, und theilet auf der langen Linie das Maas in 10 gerade Theile, just wie §. 21. No. 4.

7.) Auf gleiche Art theilet man die quer gemachten kurzen Linien in 10 gerade Theile und ziehet zu der ersten langen Linie noch 10 lange Linien in gleicher Weite von einander.

8.) Mit dem Gnomon reißet man die Querlinien, in gleicher Weite von einander.

9.) Zuletzt theilt man den ersten Theil wieder in 10 gleiche Theile, wie bey dem vorigen verjüngen Maasstabe. S. §. 21. No. 4. etc. und ziehe zwischen A C zu D die schregen Linien, schreibt die Zahlen dazu, so ist der verjüngte Maasstab zu der Stimmpfeife fertig. S. Tab. I. Fig. 6. der eben so wie der vorige Maasstab gemacht wird, nur daß sich das Maas, in Ansicht der Länge, in etwas von jenem unterscheidet.

10.) Die razionalgleich berechneten Theile zu den 12 Tönen der eingestrichnen Octave, bleiben den in §. 21. beschriebenen zum Monochord gehörigen gleich, nur mit dem Unterschiede, daß diese etwas größer oder kleiner werden können, und man auch hiezu einen besondern Maasstab machen mußte, daher setze ich die Zahlen nochmals hieher, nach welchen die Töne auf dem Stempfel getragen werden.

C 2000              
Cis 1888 von 2000 abgezogen bleibt 112 für Cis.
D 1782 = = = = 218 = D.
Dis 1682 = = = = 318 = Dis.
E 1587 = = = = 413 = E.
F 1498 = = = = 502 = F.
Fis 1414 = = = = 586 = Fis.

Diese vom eingestrichnen C aufgetragen.

G 1335 davon 1000 abgezogen bleibt 335 für G.
Gis 1260 = = = = 260 = Gis.
A 1189 = = = = 189 = A.
B 1122 = = = = 122 = B.
H 1059 = = = = 59 = H.
C 1000 = = = = =    

Diese werden rückwärts von zweygestrichnen c aufgetragen.

11.) Nun nimmt man 112 Theile, von den verjüngten Maasstabe, und trägt sie auf den Schieber der Stimmpfeife, vornen linker Hand, von dem eingestrichnen C‘ gegen die rechte Hand, nach dem zweygestrichnen c‘‘ so gibt es das eingestrichne Cis‘.

12.) Ferner nimmt man 218 Theile vom Maasstabe und trägt sie aus c‘ gegen c‘‘ welches das eingestrichne D giebt.

13.) Die folgenden 318 Theile trägt man aus c‘ gegen c‘‘ welches Dis giebt.

14.) Sodann werden 413 Theile für E dahin getragen.

15.) Die 502 Theile trägt man für F auf, und

16.) Die 586 Theile geben das Fis.

Um einen größern Zirkel zu entbehren geschiehet jetzt das Auftragen verkehrt, wie oben bey der Rechnung geschehen.

17.) Man nehme 335 Theile vom Maasstabe, und setze den einen Fuß des Zirkels nun nicht mehr, wie vorhin, in das eingestrichne c sondern hinten rechter Hand, in das zweygestrichne c‘‘ und trage dieses Maas vorwärts gegen die linke Hand, neben den Fis Strich, so giebt es das eingestrichne G.

18.) Weiter nimmt man 260 Theile und trägt sie aus c‘‘ gegen c‘ welches Gis giebt.

19.) Nun werden 189 Theile für A aufgetragen.

20.) Darauf die 122 Theile für B.

21.) Und endlich 59 Theile für H.

Weil nun die Octave des zweygestrichne c‘‘ schon aufgetragen ist, so ist diese Arbeit geendigt, man ziehet also nur mit einem Gnomon und einem spitzigen Instrumente, die Querstrichlein, als die abgetheilten Theile, über den Pfeifenstempfel durch die aufgetragenen Punkte hinüber, und schreibt die Buchstaben der Töne dazu. Hierauf kan man nach der Invention des Herrn Voits, die Pfeife mit einem doppelten Bälglein versehen laßen, damit sie ihren gehörigen Wind bekomme, durch deßen Bewegung, die Pfeife ihren Ton so lange unverändert fort gibt, so lange man mit solcher anhält. S. Tab. I. Fig. 8.