Johann Heinrich Zangs „Vollkommener Orgelmacher“

2. Die Orgelprobe

Der Hauptteil des Buches handelt, wie schon im Titel angekündigt, von der Orgelprobe. Es handelt sich um die offizielle Abnahme einer neu gebauten oder grundlegend erneuerten Orgel, also die Feststellung des Abnehmers, dass der Orgelbauer seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllt hat und die Orgel ihren Zwecke erfüllen kann. Hierzu „wird nicht nur ein geschickter Organist“ gebraucht, „der solche [die Orgel] mit Händen und Füßen recht durch arbeiten kann, um zu sehen, ob nichts stockt oder hängen bleibt“, sondern auch ein Experte, der „genaue Kenntniß der inneren Struktur“7 hat. Offensichtlich hat ZANG bei mehreren Orgelproben nicht nur als Organist, sondern auch als dieser Experte mitgewirkt. In der Folge geht es also nicht um die musikalischen und spieltechnischen Eigenschaften der Orgel, sondern um technische Einzelheiten, die für die Funktion und v.a. für die Störsicherheit und Haltbarkeit des Werkes wichtig sind.
ZANGs Gewährsmann für die technischen Fragen des Orgelbaus ist Johann Michael VOIT (1744-1819), ein „vortrefflicher und sehr geschickter Orgel- und Instrumentenmacher zu Schweinfurt“8. Dieser war der Sohn des Begründers der Werkstatt und Erbauers der Mainstockheimer Orgel, Johann Rudolf VOIT (1695-1768). Man kann sicher annehmen, dass er die von ZANG traktierte Mainstockheimer Orgel noch wartete und mindestens bei dieser Gelegenheit mit ZANG zu tun hatte. Außerdem baute er bis 1771 die Orgel in Albertshofen, genau gegenüber von Mainstockheim, und war auch sonst in der weiteren Umgebung tätig.9
Der Plan des zweiten Abschnitts ist dieser:

§ 5 Von dem Akkord und Riß der über die zu probirende Orgel gemacht worden.
         – Feststellung, ob die Orgel dem Vertrag und dem Bauplan entspricht
§ 6 Von den Registern
         – Überprüfung auf Vollständigkeit, Gängigkeit, richtige Bezeichnung
§ 7 Von den Bälgen
         – Größe, Funktion, Ventile, richtige Lage
§ 8 Von der Windprobe
         – Messung des Winddruckes mit der Windwaage, abhängig von Stellung der Bälge
§ 9 Von Windkanälen
         – richtige Lage und Dimensionierung
§ 10 Von den Windladen
         – Dichtigkeit, Prüfung der Ventile und Federn, richtige Dimensionierung, Durchstecher
§ 11 Von den zinnernen Pfeifen
         – Material, Stärke und Verarbeitung
§ 12 Von den hölzernen Pfeifen
         – Material und Verarbeitung
§ 13 Von den Zungenregistern
         – Material und Verarbeitung
§ 14 Von der Wellatur, oder Wellenbrettern, statt denen man auch Rahmen macht
         – Zugdrähte, Umlenkhebel, Koppeln und Abstrakten
§ 15 Von den Kanzellen
         – Anzahl, ausreichende Größe, eigene Kanzellen für Pedal
§ 16 Parallelen
         – richtige Funktion, Dichtigkeit, Material
§ 17 Von den Windstöcken
         – richtige Funktion, Dichtigkeit, keine falschen Windführungen, Anfälligkeit für Verziehen
§ 18 Von den Spünden
         – Material, Belederung
§ 19 Von der Stimmung
         – verlangt wird eine gleichschwebende Temperatur

Ich habe in der Liste nur einige Stichworte zu jedem Punkt angegeben. ZANG schreibt sehr genau, wonach der Inspizient zu sehen hat, und welche (Mindest-) Anforderungen erfüllt sein müssen. Ich zitiere als Beispiel den § 12:

Von den hölzernen Pfeifen.

1.) Diese werden von hartem Holz am besten gemacht, als von Aepfel- Birnbaumholz, Speyer oder Elsbeerholz10, auch von Eichen – Ahorn, und Zypressenholz; da aber an vielen Orten diese Hölzer nicht zu bekommen sind, so werden zu den grosen Pfeiffen der 16 und 32 füßigen Register auch Tannenbretter genommen, die aber nicht allzu ästig seyn dürfen. Alles Weiße an Tannenholz muß abgehobelt werden, sonst der Holzwurm hinein kommt.

2.) Die Pfeifen vom eingestrichen C bis c”’, oder so hoch das Werk geht, sollten doch wenigstens im Manual bey allen hölzernen Registern, von hartem Holz gemacht werden. Von eingestrichen C bis in die Tiefe, mögen sie gleichwohl von Tannenholz seyn; doch müßen die Kerne, Blätter und Labia von Birnbaumholz gemacht werden, wo aber dieses fehlt, da können die Kerne und Labia mit Zinn belegt werden.

3.) Das Holz zu den Pfeifen muß einige Jahre gelegen und recht dürr seyn, die eichenen Kerne in den Baßpfeifen müßen 5 bis 6 Jahre liegen und dürr werden, sonst schwinden und reißen sie, und machen viele vergebliche Mühe.

4.) Alle hölzernen Pfeifen müßen, wie die zinnern, gleiche Intonation haben, und sogleich beym Griff ansprechen.

5.) Es darf keine Pfeife weder halb noch ganz gedeckt seyn, wenn nicht das ganze Register gedeckt ist.

6.) Alle hölzernen Pfeifen solen stark, und gut gefügt und wohl geleimt seyn; besonders müßen die gedeckten Register, die oben mit einem Stempfel versehen sind, stark von Holz seyn, damit sie vom Stempfel nicht aufgesprengt werden.

Ein gedecktes Register geht eine Octave tiefer, als eins von der nemlichen Größe das nicht gedeckt ist.11

Man kann an diesem Abschnitt recht gut sehen, worauf es ZANG ankommt und worauf nicht. Von der Mensur der Pfeifen ist überhaupt nicht die Rede12, von der Intonation wird nur gesagt, dass die Pfeifen gleich klingen und sofort ansprechen sollen. Die Einzelheiten des Baus der Pfeifen sind also Sache des Orgelbauers und bleiben es auch. Hingegen wird großer Wert auf die Haltbarkeit und die Vermeidung späterer Störungen gelegt. Hartholz ist haltbarer und nimmt auch weniger Staub an (Intonationsänderung), es wird deshalb vorgezogen. Wenn man sich große Basspfeifen aus Hartholz nicht leisten kann (das wird wohl die Regel sein), müssen wenigstens die kritischen Teile, nämlich Labien, Blätter und Kerne aus hartem Holz oder mit Zinn belegt sein. Risse in den Kernen (die dem Block in der Blockflöte entsprechen) sind besonders tückisch, weil schwer zu entdecken und kaum zu reparieren; sie „machen viel vergebliche Mühe“ – aus diesem Satz spricht leidvolle Erfahrung. Dass bei einer gedeckten Pfeife der (zum Stimmen gebrauchte) Stempel aufquillt und die Pfeife sprengt, muss durch besonders solide Bauweise verhindert werden. Materialsparende Tricks (z.B. Decken der tiefsten Pfeifen, schlechteres Holz) werden durch eigene Prüfung ausgeschlossen.
Der Abschnitt über die Holzpfeifen ist ziemlich typisch für das ganze Buch: Man kann aus ihm nicht sehr viel darüber lernen, wie man tatsächlich Orgeln baut, aber der Orgelbauer bekommt genau gesagt, was alles geprüft wird, und welches Ergebnis die Prüfung haben muss. Insofern ähnelt das Buch eher einer Normen-Sammlung als einer Bauanleitung oder einem Lehrbuch. Ein „vollkommener Orgelmacher“, um auf den Titel zurückzukommen, ist einer, der die Normen einhält und mit seinen Orgeln die Probe besteht – wie er das im einzelnen zuwege bringt, ist weitgehend seine Sache.

Auf zwei weitere Paragraphen dieses Teils möchte ich noch eingehen, weil sie zeigen, dass im Orgelbaugeschäft offenbar nicht die besten Sitten herrschten.

In § 10 wird geschildert, wie die Windladen auf Dichtigkeit geprüft werden. Dazu werden bei sämtlich abgestoßenen Registern sämtliche Tasten von Manual und Pedal gedrückt. (Da kein Register gezogen ist, muss man sich die Ohren nicht zuhalten.) Nun ist darauf zu achten, ob die Bälge schneller laufen, ob also Luft auf der kritischen Strecke zwischen Windlade und Schleifen (Parallelen) verloren geht.

Hierbey nehme man sich wohl in Acht, daß man von einem schlimmen Orgelmacher nicht angeführt werde:
Er kan ein verborgenes Sperrventil gemacht haben, und dieses, während man diese Hauptprobe mit dem Windladen vornimmt, ziehen, und also den Wind zuruck halten, damit er nicht in die Windladen kommen kan. Auch kan er ein solches Sperrventil durch einen seiner Gesellen ziehen lassen.13

Die Gegenfinte ist nun, schnell ein Register zu ziehen und zu spielen. Kommt dann kein Ton, hatte der Orgelbauer versucht, den Test mit dem Sperrventil zu umgehen, klingt aber die Orgel, ist er ehrlich gewesen.

Im § 11 werden sogar 2 Proben angegeben, mit deren Hilfe man herausfinden kann, ob der Orgelbauer die vereinbarten Legierungen14 für die Zinnpfeifen verwendet hat oder schlechtere, bleihaltigere. Da Zinn auch damals ziemlich teuer war, ging es um beträchtliche Summen, die durch einen Betrug zu gewinnen waren.
Beim ersten Verfahren wird ein Probierstein15 verwendet. Man stellt eigens eine Probe der vertraglich bedungenen Legierung her, und macht damit einen Strich auf den Probierstein. Daneben macht man mit mehreren (!) Pfeifen ebenfalls Striche und vergleicht diese Spuren.
Bei der andern Probe werden (Gewehr-)Kugeln aus der vereinbarten Legierung und aus Material, das den Pfeifen entnommen wurde, gegossen (in der selben Form und mithin von gleichem Volumen) und die Massen auf der Waage verglichen.

… wenn sie am Gewicht gleich sind, so ist es ein Zeichen, daß nicht mehr Bley unter die Pfeifen gekommen, als bedungen worden. Ist aber mehr Bley darunter gekommen, so wird die Kugel von der Pfeife bey der mehr Bley ist, schwerer wiegen, denn das Bley verhält sich zu englischem Zinn fast wie 8, zu 5, auf gleiche Art kan man auch das Metall probiren.16


Fußnoten:
  1. S. 40[]
  2. S. 103[]
  3. Diese Daten in FISCHER/WOHNHAAS 1994, S. 435 f.[]
  4. Speierling und Elsbeere sind selten gewordene Verwandte der Eberesche[]
  5. S. 70 f.[]
  6. Es ist nicht so, dass Mensuren (also v.a. die Weitenmaße der Pfeifen) ein absolutes Geheimnis der Orgelbauer gewesen wären – man konnte sie ja auch ohne Mühe nachmessen -, und dass darüber nicht geschrieben wurde. So gibt SORGE 1775 genaue Mensuren und Methoden zu ihrer Berechnung an. ZANG hat wohl einfach keinen Wert darauf gelegt.[]
  7. S. 56[]
  8. Legierungen heißen, wie damals üblich, einfach „Metall“. Die angeführte „Nürnberger Probe“ mit 1 Pfund Blei auf 10 Pfund Zinn bezieht sich wohl noch auf Zinnpfeifen. Für die Pfeifen aus Zinn-Blei-Legierungen empfiehlt ZANG kein bestimmtes Mischungsverhältnis; es soll nur nicht mehr Blei als Zinn sein, da solche Pfeifen nicht haltbar seien.[]
  9. „wie die Goldschmiede haben“, schwarzer Kieselschiefer[]
  10. S. 64[]